Was kostet dich deine Bequemlichkeit?

Mein Auto musste letztens zum Service. Nichts Wildes, ganz klassische Durchsicht. Bisher haben wir das Autohaus im Ort genutzt. Es war nah dran. Es war bequem. Ein Besuch dort war im Alltag einfach zu organisieren. Was dagegen eine Katastrophe war, der Service und der Umgang mit Kunden. Unfreundlichkeit ist noch ein nettes Wort für den Ton vor Ort. Aber da es ja in der Ortschaft ist, da kann man das schon mal billig in Kauf nehmen oder?
Spoiler: Mittlerweile sind wir dort nicht mehr Kunde. Wir haben das Autohaus gewechselt und fahren nun 30 Minuten. Für den Alltag ist das ungeeignet und bedarf einer guten Organisation. Doch der Service und der Umgangston dort ist es wert.
Wann haben wir angefangen, Bequemlichkeit als Entscheidungsfaktor nach oben auf die Liste zu setzen? Aus Bequemlichkeit nehmen wir unangenehme Momente in Kauf. Wir dulden, dass mit uns unfreundlich gesprochen wird. Wir akzeptieren, dass unsere Werte nicht vertreten sind und unsere Bedürfnisse nicht gesehen werden. Lieber einen kurzen Weg ins Autohaus statt einen wertschätzenden Umgang. Genauso wie wir den Job machen, weil dieser Fuß läufig ist und uns gleichzeitig so an die Nerven geht. Ebenso pflegen wir Freundschaften, die uns nicht guttun. Lieber so, als alleine am Samstagabend daheimsitzen.
Warum?
Weil es bequem ist und wir keine Entscheidungen treffen müssen. Wir verhindern die extra Meile und glauben, so Zeit und Leben gespart zu haben. Aber für was und für wenn? Für Streamingdienste und Fast Food?
Das Leben an sich ist nicht immer bequem. Ziele und Wünsche erfüllen sich nicht von allein. Dafür dürfen wir aktiv werden. Wer seinen Traumjob haben will, darf dafür Zeit und Geld in Aus- und Weiterbildungen stecken. Wer bei Olympia mitmachen will, erstellt einen Trainingsplan und folgt diesem. Wer seine Fähigkeiten beim Stricken verbessern will, darf täglich dafür mit Maschen arbeiten. Das alles ist nicht bequem. Es bedeutet Entscheidungen treffen, auf Dinge verzichten und Feste absagen. Wer ein bequemes Leben haben möchte, lebt ein begrenztes Dasein an Möglichkeiten und Vielfalt. Wer sein Lebensweg dagegen aktiv gestaltet, der oder die haben unbequeme Momente. Augenblicke der Anstrengung und der Nervosität. Sie müssen manchmal ins Unbekannte springen, weil vom Startpunkt das Ende noch nicht sichtbar ist. Und ja, das kann Angst machen. Das lässt uns hin und wieder zurückschrecken. Allerdings glaube ich nicht, dass Bequemlichkeit die Lösung dafür ist.
Der Umgang mit den großen Zielen zeigt sich im kleinen. Wie sieht meine Tagesroutine aus? Wie hoch ist meine Bildschirmzeit?
Hinzu kommen die Herausforderungen und Aufgaben vom Leben selbst. Umstände, die wir uns niemals ausgesucht hätten, nun aber damit ungern müssen. Genauso ist Leben. Es wirft uns was vor die Füße, einfach so. Ohne Vorwarnung und Hilfestellung. Frei nach dem Motto „Friss oder stirb“. Und was machen wir? Wir schauen es uns an. Wenden das Thema hin und her und integrieren es in unseren Alltag. Das kann in Anstrengung enden. Mit reiner Bequemlichkeit werden diese Aufgaben nicht einfach verschwinden. Methode „Aussitzen“ funktioniert hier nur bedingt.
Und so sehr ich den Wunsch nach Einfachheit und Entspannung mittrage, genauso sagenhaft möchte ich ein Leben leben, in dem ich mich nach meiner Vorstellung entfalten kann. Dazu gehört auch, dass ich von Menschen gut behandelt werde. Egal ob wartend an der Bushaltestelle oder im Autohaus. Und da kann es nicht an der Bequemlichkeit scheitern.
Bequemlichkeit ist nicht per se schlecht. Sie schützt, spart Energie und gibt Stabilität. Doch sie hält uns auch klein, weil manche Entscheidungen sich zwar leicht anfühlen, aber nicht weil sie richtig sind, sondern weil sie kein Widerstand erzeugen. Weil wir Hürden umgehen und dabei eventuell einiges verpassen.
In einer Welt, in der per Knopfdruck so einiges organisiert werden kann, da ist es mehr wie verlockend, bequeme Entscheidungen zu treffen. Die Frage ist aber: Sind das die Entscheidungen, die uns auch wachsen lassen? Entstehen daraus die Geschichten, die wir später weitererzählen? Gestalten wir auf dieser Grundlage unser Leben oder warten wir eher auf den Ausgang?
Für mich bleibt am Ende die Erkenntnis: Bequemlichkeit darf nicht oben auf meiner Liste der Entscheidungsfaktoren stehen. Auch wenn es sich warm und kuschlig anfühlt.
Wie ist es bei dir?
Alles Liebe, Jana
