Schönreden

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Ich kann schön reden. Ich meine, ich kann wirklich schön reden. Ich kann schöne Wörter verwenden. Wörter, die nicht so oft verwendet werden. Wörter, die eine besondere Betonung brauchen. Wörter, die mehrfache Bedeutungen haben.

Zudem habe ich eine nette Stimme. Nicht zu hoch und nicht zu tief. Die Betonung liegt mir ebenso. Das mit der Atmung bekomme ich auch gut hin. Alles Training und ich habe trainiert.

So wie ich schön reden kann, kannst du das bestimmt auch. Es braucht vielleicht ein wenig Übung, dann allerdings ist vieles machbar.

Wofür wir – nicht alle, vielleicht – weniger Übung brauchen ist: Das SCHÖNREDEN.

Was ich damit meine?


Situationen sind wie sie sind, oder?

In unserem Leben passieren die verschiedensten Dinge. Gute und weniger Gute. Machmal sogar saublöde. Oder gar fantastische.

Es gibt viele Möglichkeiten des Erlebens und der Wahrnehmung.

Doch, was passiert, wenn wir diese Episoden weitererzählen? Freunden oder Arbeitskollegen? Dem Partner oder den Kindern?

Meistens geschieht folgendes:

  1. Die schönen Dinge und Erlebnisse werden noch bunter dargestellt, als sie vielleicht waren.
    • Da wird der Urlaubsstrand sauberer, das Meer grüner und die Temperaturen höher gemacht. Zudem war das Essen plötzlich das Leckerste was es je gab und die Anfahrtszeit (trotz Stau) die lustigsten seit langem.
    • Die Geburtstagsfeier war plötzliche länger, lauter und lustiger. Und die Verwandtschaft hat sich auch super toll vertragen.
    • Der Kindergeburtstag war so entspannt. Noch entspannter wäre nur eine Massage gewesen.

  2. Die weniger schönen Dinge werden dramatischer dargestellt, als es eventuell war.

    • Die Nachtfahrt aus dem Urlaub wird dunkler und mit volleren Strassen wiedergegeben. Aus dem Nieselregen wird ein Dauerregen vom Feinsten und im Radio spielten sie im Spätprogramm nur Oper (obwohl es nur ein Sender von vielen war)
    • Die Schlange an der Kasse beim Einkaufen wird mit ein paar Personen länger, die Kassiererin wird langsamer und das Wetter wird trüber gemacht.
    • Beim letzten Restaurantbesuch war der Kellner plötzlich unfreundlicher als sonst, die Portionen kleiner und die Rechnung höher.

Rückblickend betrachtet, wirkt vieles oft heller oder dunkler als es eigentlich war. Das liegt daran, dass unser Gehirn nicht alles abspeichern kann. Damit wäre es tatsächlich überfordert. Also sortiert es aus und hängen bleiben dann ein paar Fetzen. Das ist weder gut noch schlecht, dass ist einfach ein angeborener Überlebensinstinkt, damit wir bei den ganzen Informationen nicht verrückt werden. Sozusagen ein Schutzmechanismus.

Soweit, so gut.

Die Thematik liegt in der Wiedergabe. Statt also zu sagen wie es war, erstmal rein faktisch, schmücken wir unsere Geschichten aus.

Hier kommt die Vorliebe für das Geschichten erzählen zum tragen. Früher, als es noch keine Bücher oder Blogs gab, da wurden die Volksmärchen weitererzählt. Von Generation zu Generation. Jeder hat etwas dazu gedichtet oder weggelassen. Das war nicht weiter wild, da die wenigsten die ursprüngliche Fassung kannten.

Noch heute hören wir gehen Geschichten. Und genau das passiert, wenn wir erlebte Episoden beim Kaffeeplausch erzählen.

Wir erzählen eine Geschichte. Eine, aus unserem Leben. Wie spannend. Wie aufregend. Damit das diesen Eigenschaften auch entspricht, nutzen wir unsere Fantasie und die Erinnerungslücken und füllen sie mit unserer Wahrheit auf.

Solange wir damit niemanden schaden, ist das ok. Doch was ist, wenn dein Gegenüber die gleiche Episode ganz anders wahrgenommen hat?


Ein Gespräch = zwei Wahrheiten

Jeder hat seine Wahrnehmung. Seine Gefühle. Seine Erfahrungen und Erlebnisse. Sein Wissen und Denken.

Das ist die Basis mit der wir unsere Welt wahrnehmen. Diese eben durch unsere Brille sehen. Aus unserem Blickwinkel. Unsere Perspektive.

Das bedeutet, sprechen zwei Menschen miteinander, dann haben zwei Persönlichkeiten unterschiedliche Basen, mit denen sie in das Gespräch gehen und dieses führen und wahrnehmen.

Schon alleine daraus können Missverständnisse entstehen.

Wenn nun so ein Gespräch an Dritte weitergeben wird und dabei die eigene Wahrnehmung etwas ‚ausgefüllt‘, dann kann daraus mehr, wie nur ein Missverständnis entstehen.

Beispiel:

  1. Kollege A und Kollege B unterhalten sich in der Kaffeeküche über die mangelnde Ordnung. Beide wollen, dass das besser wird und beschließen im nächsten Arbeitskreis, genau das anzusprechen. Beim Rausgehen sieht Kollege A wie Kollege B die Tasse einfach ins Spülbecken stellt und geht. Beim Mittag trifft Kollege A auf Kollege C. Während die beiden speisen, berichtet Kollege A von dem Gespräch mit Kollege B und das dieser am Ende des Gespräches die Küchenordnung nicht wiederhergestellt hat. Tassen in die Spülmaschine räumen und die Kaffeemaschine ausmachen blieb an Kollege A hängen.

  2. Beim Urlaubsfotos anschauen mit Freunden wird jedes Foto kommentiert. Auf den Bildern zeigt sich ein bedeckter Himmel – was nur an diesem Tag so war. Ebenso das magere Büfett – was kurz vor dem Auffüllen war, da es leer gegessen wurde. Als   der Partner dazukommt, ist diese verwundert, da der Urlaub eine einzige Katastrophe war. Genau wie auf den Fotos. Grau und kalt.

In solchen Situation kann es schnell eskalieren, da eben unterschiedliche Bewertungen aufeinander treffen.

Besser wäre, die Fakten zu erzählen und diese mit seiner eigenen Wahrnehmung zu kommentieren. Wenn dann der Andere sagt, seine Wahrnehmung war da anders  – hat er recht. Doch die Fakten sind die Gleichen.

Mit dieser Methode können Missverständnisse verhindert werden.


 Die Königsdisziplin

Die höchste Stufe des ‚Schönredens‘ liegt darin, sich unschöne Momente im Nachgang schöner zu machen, als sie wirklich waren.

  • Da wird dann der verpasste Bus und das damit gescheiterte Bewerbungsgespräch als Zeichen des Universums genommen.
  • Das Ende eine Beziehung als Lauf der Dinge bezeichnet.
  • Die Beule am Auto mit der Versicherung beschönigt.

Statt die Dinge zu erzählen, wie sie wirklich waren, werden sie positiver und besser dargestellt, obwohl es in der Realität nicht so war.

Anderen schaden wir damit vielleicht nicht.

Wem wir damit definitiv schaden ist uns selber.

Dadurch, dass wir uns Dinge ‚Schönreden‘ nehmen wir sie nicht wirklich bewusst wahr. Wir leugnen sie. Wir wehren ab, was wirklich geschah.

Damit schützen wir uns. Vor Schmerz und Ärger und Wut. All diesen Dingen namens Gefühle, die sonst in uns hochkommen würden.

Der Clou ist, im Grunde sind diese Gefühle alle da. Genau in dem Moment. Mit der Strategie des ‚Schönredens‘ verhindern wir, dass sie sichtbar werden. Sowohl bei uns, wie auch für das Gegenüber.

Ist das schlimm?

Jub.

Warum?

Weil wir uns vor unserer Verantwortung drücken. Wir sind nicht bei uns und dem, wie es uns geht. Sind weder bei unseren Bedürfnissen, noch unseren Ängsten und Sorgen. Somit verhindern wir, dass wir Hilfe bekommen. Sei es, weil wir fragen oder jemand von sich aus welche anbietet. Weiterhin kommen wir nicht ins Handeln. Wir verstecken uns hinter der Kommunikationsstrategie des Schönreden und Jammern. Klar, ist auch einfacher, als eine Fehleranalyse durchzuführen und das beim nächsten Mal dann anders zu machen. Oder gar neue Ideen und Hinweise von Freunden zuzuhören und dann umzusetzen.

Sich Dinge schönreden, verhindert den Fluss von Wertschätzung. Verhindert Wachstum und sich weiterentwickeln. Verhindert eine echte Beziehung zueinander.


Statt Schönreden, miteinander reden

Du bist das Wichtigstes in deinem Leben. Das ist weder egoistisch, noch narzisstisch. Es ist natürlich und nötig, damit du dein Leben mit all den Dingen füllen kannst, die dir Freude bereiten.

Dazu gehört vielleicht auch die Eine oder Andere blöde Erfahrung. Das ist nicht tragisch, sondern Leben.

Statt nun all diese Situation zu verschönern, rede Klartext.

Übernimm Verantwortung.

Erzähle was war, ohne Dinge dazu zu dichten oder wegzulassen.

Berichte von deinen Gefühlen.

Deinen Erwartungen von diesen Momenten.

Deinem Ärger, Trauer oder Wut.

Mit dieser Art von Kommunikation zeigst du dich. Kannst mit anderen eine Verbindung/ Beziehung aufbauen. Das kann eben nur geschehen, wenn wir authentisch sind.

Gleichzeitig bist du wertschätzend. Mit dir und deinem Gegenüber. Du tischt keinem von euch eine Lüge auf. Genau das ist es nämlich, was wir machen, wenn wir Dinge beschönigen. Wir sind unehrlich und lügen uns in die eigene Tasche.


Ich wünsche dir viel Freude beim Entdecken, Ausprobieren und Erleben.

Für kleine Hilfestellungen in der Umsetzung kannst du dich jederzeit an mich wenden.

Sowohl per Email als auch persönlich bin ich als Unterstützung für dich da.

Das Miteinander darf leicht und wertschätzend sein, Kommunikation auch!

Sonnige Grüße

Jana