Muss man immer die Wahrheit sagen?

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Die Wahrheit sagen, aber wie?

Wenn ich zu Schulzeiten eine schlechte Note erhalten habe, dann war der Gang nach Hause eher schleppend. In meinem Kopf waren viele Ideen wie ich diese Note nun meinen Eltern erklären könnte. Von „Die anderen waren ebenso schlecht wie ich.“ über „Die Arbeit war wirklich schwer.“ bis hin zu „Eigentlich hatte ich ja auch Bauchschmerzen an dem Tag.“ war alles dabei. Trotz dieser Vielfalt an Möglichkeiten verließ mich immer der Mut meinen Eltern gegenüber zu stehen. Aus diesem Grund legte ich meine Arbeiten vor dem schlafen gehen in den Flur, mit der Bitte um Unterschrift und am nächsten Morgen stahl ich mich früh aus dem Bett, um die Arbeit schnell im Rucksack verschwinden zu lassen. Mit dieser Taktik „aus dem Auge – aus dem Sinn“ war ich froh, kein Gespräch über den Fauxpas führen zu müssen. Meistens ging das so lange gut, bis in einem Fach die zweite schlechte Note nach Hause kam und ich dann doch Rede und Antwort stehen musste.

Die Wahrheit sagen, immer und überall. Zeitnah und direkt. Das sind Werte die jeder von uns kennt und doch die wenigstens wissen wie das geht. Von Kindern wird es erwartet und wir Erwachsenen machen es, wenn es gerade passt. Was ist so schlimm daran die Wahrheit zu sagen?

Die Wahrheit zu sagen – zu sich oder einem anderen – bedeutet, dass wir wissen, um was es uns geht. Was wir erlebt haben zu schildern und unser Bedürfnis zu erkennen und dann klar zu benennen. Und da haben wir dann auch schon die Schwierigkeit. Wie etwas klar erkennen und laut sagen, wenn wir doch selber nicht mit uns in Kontakt kommen wollen. Beispiel gefällig?

Ich fahre zum einkaufen und beim ausparken schramme ich ein anderes Auto. Unabsichtlich versteht sich. Doch statt nun auszusteigen und den Schaden zu melden, wird geschaut ob keiner schaut und sich dann heimlich davon gestohlen. Auf die Frage, wo die Schramme am Auto herkommt, zucke ich die Schultern und bin scheinbar ebenso überrascht wie mein Partner.

Bei einer Trennung vom Partner wird gesagt, dass es nicht an ihm liegt und weitere Gespräche nichts an der eigenen Entscheidung ändern werden.

Für das anstehende Seminar bin ich verantwortlich. Sowohl inhaltlich wie auch organisatorisch. Das Thema sagt mir so gar nicht zu und ich sehe den Sinn der Veranstaltung nicht als Nährwert. Die Vorbereitungen laufen dementsprechend schleppend.Wenn der Chef nach den Unterlagen für das kommende Seminar fragt, schaue ich unschuldig und bin überrascht das der Termin schon zu nah angerückt ist.

Anstatt nun die Wahrheit zu sagen, versuchen wir unseren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, ohne das der andere merkt, dass diese schon schnürt.


Warum tun wir uns so schwer mit der Wahrheit?

Kinder sagen immer die Wahrheit. Knallhart. Das ist für uns Erwachsenen an mancher Stelle schwer auszuhalten. Wird die Frau an der Kasse laut als dick eingestuft, dann bekommen wir den roten Kopf. Obwohl wir das eventuell genauso wahrnehmen, maßregeln wir unser Kind für diese Aussage. Wird der Besuch bei Tante Bertha als langweilig eingestuft, erklären wir mit Engelszunge, dass sie sich über unseren Besuch freuen wird. Versteht das Kind es immer noch nicht, dann wird der Besuch zur Pflichtveranstaltung umgebucht – ohne wenn und aber. Fragt das Kind während der Trauung nach, warum der Mann nun diese Frau heiratet und nicht die andere – die wir letztens beim Eisessen trafen – hilft keine Kommunikation mehr. Nur noch schnell weg lautet da die Devise. Ähnlicher Beispiele an Erlebnisse hat jeder von uns.

Sie zeigen uns wie mit der Wahrheit umgangen wird. Entweder wird sie nicht gehört vom anderen und somit zweifeln wir an unserer Wahrnehmung. Oder sie wird mit Lob und Strafe bewertet. Oder die Kommunikation wird ganz eingestellt, der große runde Teppich rausgeholt und einfach drüber gelegt. Jede dieser Strategien hat die gleiche Konsequenz: In der nächsten Situation überlegen wir uns dreimal ob wir die Wahrheit sagen oder nicht. Davor wägen wir das Für und Wider ab und anhand der zugrundeliegenden möglichen Konsequenzen entscheiden wir uns dafür oder dagegen.

Kinder hören irgendwann auf, die Wahrheit zu sagen, wenn sie erfahren, dass ihre Eltern eh nie zu hören.

Kinder hören irgendwann auf, die Wahrheit zu sagen, wenn sie dafür bestraft werden.

Kinder hören irgendwann auf, die Wahrheit zu sagen und als Erwachsener wissen sie dann gar nicht mehr wie es geht.


Was steckt hinter der Wahrheit?

In dem Wort Wahrheit steckt das Wörtchen wahr drin. Wir erleben eine Begebenheit die wahr ist. Die wir gesehen oder erlebt haben. In der Realität beobachtet. Wollen wir wertschätzend miteinander kommunizieren, dann beginnen wir damit, die Situation wahrzunehmen. Anschließend geben wir wieder, was wir wahrgenommen haben/ erlebt haben. Daraus kann sich dann eine Kommunikation entwickeln, die darauf aufbaut, dass jeder seine Sichtweise darstellt – ohne das der andere diese bewertet oder interpretiert oder verurteilt. Jeder hat seine Wahrheit und in einem gemeinsamen Gespräch tauscht man sich darüber aus.

Sagen wir nun die Wahrheit, dann erzählen wir, was wir wahrgenommen haben. Was wir beobachtet haben. Was wir gefühlt haben. Welche Gedanken in uns lebendig waren. Das tun wir nicht, um den anderen bloßzustellen (das ist in diesem Fall seine Bewertung über unsere Aussage), sondern um authentisch zu sein. In diesem Moment, wo wir die Wahrheit sagen, zeigen wir uns. Mit unserer Wahrnehmung, unseren Ängsten und unseren Bedürfnissen. Die Wahrheit sagen, bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Für sich und für das Geschehen. Dafür, dass ich mich der Diskussion stelle. Dafür, dass der Andere eventuell enttäuscht ist.


Lügen ist ein Verstecken

Wenn wir nun versehentlich jemanden eine Schramme ins Auto gefahren haben, dann gilt es Verantwortung zu übernehmen. Dafür, dass wir einem anderen einen Schaden zu geführt haben. Dafür, dass wir in diesem Moment in Eile waren. Dafür, dass wir Angst vor der Reaktion des Gegenübers haben.

Anstatt dem Partner jegliche Gespräch nach der Trennung zu verweigern, lieber ehrlich sein und sagen, wie es in der Beziehung war und aus welchen Gründen eine Trennung die besser Wahl ist. Weil eben der eine an Fernweh leidet und der andere lieber auf dem Sofa sitzt. Weil der eine das Bedürfnisse nach Familie hat und der andere eher nach Abenteuer.

Hat das Seminar scheinbar kein Nährwert für die Belegschaft, dann ansprechen beim Chef. Die eigenen Ängste und Zweifel äußern und damit in ein gemeinsames Gespräch kommen.

Wer lügt – versteckt sich. Vor sich und seinen Bedürfnissen. Es ist ein wegrennen vor der eigenen Verantwortung – hin zu einer Welt die nicht authentisch ist.

Und was ist mit den Kindern? Lasst sie die Wahrheit sprechen. Immer und überall. Statt mit rotem Kopf daneben zu stehen – schaut warum ihr diesen habt. Was ist in euch lebendig und dann sagt es. Teilt eure Wahrnehmung mit den Kindern, damit sie sehen und erleben, dass ihr eben auch nicht alles wisst. Das es viele Facetten von wahrnehmen gibt und Kommunikation eine verdammt gute Basis für eine wertschätzendes Miteinander ist.


Ich wünsche dir viel Freude beim Entdecken, Ausprobieren und Erleben.

Für kleine Hilfestellungen in der Umsetzung kannst du dich jederzeit an mich wenden.

Sowohl per Email als auch persönlich bin ich als Unterstützung für dich da.

Das Miteinander darf leicht sein und Kommunikation auch!

Sonnige Grüße

Jana