Die Angst nicht gehört zu werden  

bitte ruhe

Ich habe zwei Kinder, die das Reden für sich entdeckt haben. Sehr zum Leid meiner Ohren – manchmal, aber was soll’s. Sie reden viel, sie reden laut, sie reden immer und überall. Und wenn ich ihnen in der einen oder anderen Situation nicht folge, weil ich abgelenkt bin, dann sagen sie das Gesagte eben noch einmal. So lange bis ich ihnen ein Zeichen gebe, dass ich sie gehört habe. Im Klartext bedeutet das, dass sich meine Kinder Gehör verschaffen. Sobald sie das Gefühl haben diese Aufmerksamkeit, nicht in vollem Umfang zu erhalten, tun sie alles, damit sich das ändert.

Das, was wir alle in Kindertagen gemacht haben – uns Gehör verschaffen – lässt in den Folgejahren nach. Nicht das es uns da auf einmal weniger wichtiger ist. Nein, nein. Es wird uns einfach aberzogen.

Folgende Sätze:

„Sei bitte leise.“

„Das hast du nun schon zweimal gesagt.“

„Ich habe jetzt gerade keine Zeit für dein Gequatsche.“

„Musst du immer soviel erzählen, du kleine Quasselstrippe.“

ankern sich in uns fest. Somit überlegen wir wirklich gut, ob wir unsrem Redefluss folgen oder diesen lieber stoppen.

Zum Verständnis: Ich plädiere dafür, dass sich jeder von uns seine Worte gut überlegt. Das ein Bewusstsein dafür vorhanden ist, dass Worte Waffen sein können. Das nicht alles in die Welt getragen werden muss.

Die Geschichte der Drei Siebe 

Zum weisen Sokrates kam einer gelaufen und sagte: „Höre Sokrates, das muss ich dir erzählen!“

„Halte ein!“ – unterbrach ihn der Weise, „Hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“

„Drei Siebe?“, frage der andere voller Verwunderung.

„Ja guter Freund! Lass sehen, ob das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe hindurchgeht: Das erste ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“

„Nein, ich hörte es erzählen und…“

“ So, so! Aber sicher hast du es im zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst gut?“

Zögernd sagte der andere: „Nein, im Gegenteil…“

„Hm…“, unterbracht ihn der Weise, „So lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden. Ist es notwendig, dass du mir das erzählst?“

„Notwendig nun gerade nicht…“

„Also“ sagte lächelnd der Weise, „wenn es weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit.“

Ich plädiere weiterhin dafür, dass alles gesagt werden sollte, was gesagt werden muss. Das was dich beschäftigt – deine Gedanken, deine Gefühle, Deine Bedürfnisse, Deine Wünsche – das alles darf sich sehr gerne in Worte zusammensetzen und mittgeteilt werden. Damit du dir dein Leben einrichten kannst. Damit du die Chance hast, dein Optimum zu leben.

Erfahren und erleben wir in frühester Kindheit, dass unser Sätze unterbrochen oder verbessert werden. Das niemand da ist, der uns zuhört. Kein Interesse durch Nachfragen zeigt. Immer irgendetwas wichtiger ist, als unsere Worte. Dann, ja dann, können sich bei uns folgende Glaubenssätze festsetzen:

„Mir hört niemand zu.“ – „Ich habe nichts wichtiges zu sagen.“ – „Meine Worte zählen nicht.“

Wie tragisch ist das? Sehr tragisch! Weil jeder etwas zu sagen hat. Weil jeder gehört werden sollte, egal um welches Thema es sich handelt.

Treffen sich zwei Freunde. Der eine liebt Vanilleeis. In vollen Zügen, immer und überall. Der andere fragt sich, warum er davon immer und überall reden muss. Eine gute Freundschaft, ein guter Gesprächspartner zeichnet sich dadurch aus, dass er dem anderen zuhört. Ihm sein Gehör schenkt, weil er weiß wie wichtig es dem Anderen ist. Er hört zu, um zu Verstehen. Hier erfolgt kein Maulkorb im Sinne von „Du und dein Eis. Immer das gleiche Thema. Wie langweilig.“ 


Mein Anliegen an dich

1. Schenke Anderen dein Gehör

Hör ihnen zu. Lass sie ihre Worte los werden. Danach kannst du immer noch deine Meinung zum Thema sagen.

2. Verbiegt eure Kinder nicht

Kinder reden viel und laut und lange. Wer sich schon mal einen Kinderwitz anhören durfte (und der kann echt super lang werden bis zur Pointe), der weiß wovon ich schreibe.

Aber es ist ihnen wichtig, diesen Witz zu erzählen. So wichtig, dass sie es dreimal am Tag tun. Schenk ihnen dein Gehör und verbietet ihnen nicht das Reden. Sie haben etwas zu sagen, so holperig es dann eben aus ihrem Mund purzelt.

Dieser Artikel gehört zum Leitartikel Die 5 Ängste in der Kommunikation.


Ich wünsche dir viel Freude beim Entdecken, Ausprobieren und Erleben.

Für kleine Hilfestellungen in der Umsetzung kannst du dich jederzeit an mich wenden.

Sowohl per Email als auch persönlich bin ich als Unterstützung für dich da.

Das Miteinander darf leicht sein und Kommunikation auch!

Sonnige Grüße

Jana

Bildquelle: www.pixabay.de

14 Gedanken zu “Die Angst nicht gehört zu werden  

  1. alinekniestedt schreibt:

    Hallo Jana,

    ich musste schmunzeln bei dem Beispiel mit den Kinderwitzen 🙂 Oh ja wie lang die werden können! Und ja man neigt wohl dazu, dass dann eher zu unterbrechen à la „Komm mal zum Punkt.“. Daher vielen Dank für diesen netten Reminder!

    Viele Grüße aus Leipzig
    Aline

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  2. Klaus Böcker schreibt:

    Bei Kindern bin ich absolut Deiner Meinung. Bei Jugendlichen und Erwachsenen sehe ich das etwas differenzierter. Ein zuviel, unnötiger Informationen, langweilt mich schnell und ich neige dazu wegzuhören. In meinem damaligen Arbeitsleben habe ich oft Kollegen erlebt, die weit ausholten und haarscharf am eigentlichen Kern vorbei diskutierten. Da sollte vorher zumindest das Nachdenken über das was man dem anderen Mitteilen möchte einsetzen.

    Gefällt 1 Person

    • janaludolf schreibt:

      Hallo Klaus,
      danke für deine kritische Rückmeldung. Ich stimme dir zu, dass jeder sich seiner Worte bewusst sein sollte und diese dementsprechend mit Obacht auswählen sollte. Allerdings ist jeder Zuhörer ebenso in einer wertvollen Rolle. Er ist die Rückmeldung an den Sender. Wenn die Worte zu viel des Guten sind, dann kann ein aktiver Zuhörer dies zurückmelden und somit erhält der Sprecher ein zeitnahes Feedback. Mit diesem Feedback, kann er mehr anfangen, als mit abwinken oder passiven Zuhören. Vielen Menschen ist ihre Art des Sprechens nicht bewusst. Sie sind dann dankbar über eine ehrliche Antwort. Und wenn die Menschen viele Worte benutzen, um ihr Anliegen darzustellen, kann es sein, dass sie in ihrer Vergangenheit nicht gehört wurden. Nun wollen sie eben auf Nummer sicher gehen. 😉

      Sonnige Grüße
      Jana

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  3. ich bin schwerhörig, na und? schreibt:

    Guter Beitrag! Viele Hörbeeinträchtigte fühlen sich von Guthörenden oft nicht gehört. Oder die Guthörenden müssen in ihre Kommunikation mit einen Hörbeeinträchtigte zu oft wiederholen. Manchmal kommt es dann zu einem „ach lass nur, es war nicht wichtig“. Ich finde das eigentlich Respektlos. Klar, man soll nachdenken über das was man mitteilt, aber wenn man dann anderen zuhört auch wirklich zuhören.

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  4. schnuppismama schreibt:

    Die drei Siebe gefallen mir! Klasse, kannte ich noch gar nicht.
    Zu den lieben Kleinen: zwei Töchter zu haben ist gerade bzgl. des Zuhörens eine Herausforderung. Besonders, wenn ich sie gerade vom Kindergarten abhole, reden sie STEREO auf mich ein, was sie so alles erlebt haben – und sie sagen nicht das gleiche. Da will Zuhören gut erprobt sein 😀

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